Internationale Goethe-Gesellschaft in Weimar Ortsvereinigung Sondershausen - Die unbekannten Verwandten (1)

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Die unbekannten Verwandten (1)

Dr. Barbara Heuchel

Was Kirchenbücher verraten – genealogische Forschung zur Familie Göthe in Nordthüringen
Ausgehend von der Biografie des Großvaters väterlicherseits von Johann Wolfgang Goethe, der in Kannawurf geboren wurde, in Artern aufwuchs und später nach Frankfurt am Main ging, war die Neugier auf weitere Verwandte Goethes in unserer Gegend geweckt. Bekannt ist, dass Goethes Urgroßvater in Artern lebte und dass es ein Goethe-Stammhaus in Berka bei Sondershausen gab. Aber wie sind die Verwandtschaftsverhältnisse? Und welche Vorfahren und Verwandten lebten in Berka? Zum 80. Geburtstag Johann Wolfgang Goethes 1829 wurde zum ersten Mal versucht, einen Stammbaum des Dichters aufzustellen. Seitdem haben in den letzten fast 200 Jahren zahlreiche 1Forscher in mühevoller Kleinarbeit sehr viel Material zur Goethe-Genealogie zusammengetragen. Dabei wurden in erster Linie die Vorfahren der mütterlichen Seite (Textor) betrachtet, denn der Dichter legte angeblich wenig Wert auf seine väterliche, oder besser großväterliche Abstammung. Was vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass er seinen Großvater Friedrich Georg Göthé nicht mehr kennengelernt hat.

Doch zunächst gehört ein wenig Theorie zur Genealogie, d. h. zur Ahnen- oder Familienforschung, um Zusammenhänge klarer darzustellen. Genealogen oder Familienforscher befassen sich mit menschlichen Verwandtschaftsbeziehungen und ihrer Darstellung. Darüber hinaus interessieren die Geburts-, Sterbe- und Wohnorte der Vorfahren sowie ihre Berufe. Goethes Ahnentafel ist in dieser Beziehung ein Paradebeispiel. Sind in Goethes Ahnentafel doch fast alle Gesellschaftsschichten vertreten – vom einfachen Bauernstand über Handwerker, Klein- und Großbürgertum bis zum hohen Adel auf der mütterlichen Seite. Auch die geografische Verteilung der Ahnenschaft ist von Interesse.

Die intensivere Beschäftigung mit der Ahnenforschung erfordert eine umfangreiche Datensammlung in vielen Quellen. Die Kirchenbücher der Gemeinde Berka [1] – von 1642 bis heute geführt und vorhanden – waren so eine wichtige Quelle, aber auch bereits bekannte genealogische Veröffentlichungen, Bücher, Tabellen und Übersichten aus dem Internet. Die bemerkenswerteste Eigenschaft einer Ahnentafel, die nur die Vorfahren in direkter Linie enthält, ist ihr streng gesetzmäßiger Aufbau, der darauf beruht, dass jeder Mensch nicht mehr und nicht weniger als 2 Eltern besitzt. Damit ist die Anzahl der Ahnen in jeder vorhergehenden Generation eindeutig bestimmbar. Sie verdoppelt sich in jeder vorherigen Generation. Es wird dadurch auch für jeden Ahnen in der ganzen Tafel ein eindeutiger Platz gefunden, und es ist die Möglichkeit gegeben, ihm eine Nummer in Bezug auf die jeweils betrachtete Person zu geben. Diese Nummerierung erlaubt eine fortlaufende Zuordnung. Dabei werden die geraden Zahlen für die männlichen, die ungeraden Zahlen für die weiblichen Ahnen verwendet und die betrachtete Person (Proband) mit der Nummer 1 belegt.

Die Generation des Probanden erhält die Generationsnummer 0. Da die Generationsnummern in zeitlicher Hinsicht rückwärts zeigen, werden sie oft mit negativem Vorzeichen versehen, sodass zum Beispiel die Reihe der Urgroßeltern mit - 3 (oder – III) richtig bezeichnet ist.
Diese Form der Ahnentafel nach Kekulé von Stradonitz [2] mit den direkten Vorfahren – ohne die Seitenlinien mit Geschwistern und Ehegatten – von Johann Wolfgang Goethe sieht dann wie in der folgenden Abbildung aus.

Abbildung Ahnentafel von Johann Wolfgang Goethe bis zur Generation der Ururgroßeltern mit der Nummerierung nach Kekulé
Dass bei der Nachkommenschaft ganz andere Verhältnisse vorliegen, wird klar, wenn man bedenkt, dass jeder Mensch genau 2 Eltern hat, die Zahl der Kinder aber sehr unterschiedlich sein kann. Die Bezeichnung der Nachkommen-Generationen erfolgt hier in positiver Richtung, also 1, 2, 3, usw.
Eine fortlaufende Zählung der gesamten Nachkommenschaft, bei kleinem Umfang noch angebracht, ist im Allgemeinen ungünstig und wird nur ganz selten angewandt.

Die zum Teil komplizierten Zusammenhänge genealogischer Art machen neben einer listenmäßigen Aufzählung oftmals eine grafische oder bildliche Darstellung wünschenswert. Hier sei an die frühere, oft angewandte Darstellung eines Stammbaumes als Baum mit Wurzeln und Ästen erinnert. Heutzutage haben wir durch die Computertechnik jedoch viel umfangreichere Möglichkeiten, die Ahnentafel, Nachkommenschaft bzw. die Gesamtverwandtschaft darzustellen, wobei auch noch weitere Informationen hinterlegt oder dargestellt werden können.

Auf der Grundlage von bereits vorhandenen Forschungen zur Genealogie der Goethes/Göthes konnte eine computergestützte Übersicht über die Gesamtverwandschaft von Johann Wolfgang Goethe erstellt werden, die zunächst jedoch auf Daten von 1908 ([3] Knetsch) bzw. von 1956/58 ([4] Rösch) zurückgeht. Sie umfasst alle bekannten Personen, sowohl aus der väterlichen als auch aus der mütterlichen Linie. Dabei wurden die bisher bekannten Ehepartner(innen) und Kinder bzw. Geschwister berücksichtigt, um auch Seitenlinien verfolgen zu können.

Inzwischen ist die erarbeitete Datei (unter Verwendung der Software „Ahnenblatt 3“ © Dirk Böttcher 2002 – 2020 [5]) auf mehr als 1600 Personen angewachsen, vor allem in der väterlichen Linie gab es sehr viele Ergänzungen. Dazu war es notwendig, in den Berkaer Kirchenbüchern, welche die Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen verzeichnen, nach den „Göthes“ zu suchen. Weit mehr als 100 Einträge konnten gefunden und die Daten vervollständigt werden.

…wird fortgesetzt

Hinweis:
Im Zusammenhang mit diesem Artikel und einem Vortrag ist eine etwas ausführlichere Broschüre entstanden, die in der Tourist-Information von Sondershausen erworben werden kann.